• "Einige der Frauen und Kinder mussten zusehen, wie 7, 8 und 9 Jahre alte Mädchen vor ihren Augen verbluteten, nachdem sie von ISIS-Milizionären mehrfach am Tag vergewaltigt wurden." — Mirza Ismail, Vorsitzende der Jesidischen Menschenrechts-Organisation International.

  • "ISIS-Mitglieder haben ein Büro in Antep eingerichet; und in diesem Büro werden von ISIS entführte Frauen und Kinder für hohe Geldsummen verkauft. Wo sind die Minister und die Polizisten dieses Landes, die von Stabilität reden?" — Leyla Ferman, Mitpräsidenting der Jesidischen Föderation Europas.

  • "Die Türkei hat mehrere internationale Verträge unterschrieben, ist aber das Land Nummer Eins, wenn es um professionelle Nichteinhaltung von Menschenrechtsverträgen geht." — Reyhan Yalcindag.

Diesen Monat produzierte die deutsche ARD (Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland) Filmmaterial, das den Sklavenhandel dokumentiert, der vom Islamischen Staat (ISIS) über ein Verbindungsbüro in der Provinz Gaziantep (auch Antep genannt) in der Türkei, nahe der Grenze zu Syrien betreibt.

Im August 2014 griffen Jihadisten des Islamischen Staates Sinjar an, Heimat von über 400.000 Jesiden. Die Vereinten Nationen bestätigten, dass 5.000 Männer exekutiert und bis zu 7.000 Frauen und Mädchen zu Sexsklavinnen gemacht wurden.

Es sind zwar einige entkommen oder durch Lösegeld freigekauft worden, aber tausende Jesiden bleiben vermisst.

Ein Bericht der deutschen ARD zeigt Fotos von jesidischen Sklaven, die von ISIS verteilt wurden (links), außerdem heimlich gedrehtes Filmmaterial von ISIS-Funktionären in der Türkei, die den Preis für den Kauf von Sklaven in Empfang nehmen (rechts).

Die deutschen Sender NDR und SWR erklärten auf ihren Internetseiten:

Der IS [Islamische Staat] bietet Frauen und minderjährige Mädchen in einer Art virtuellem Sklavenmarkt mit Fotos zum Verkauf an... Der Geldtransfer, so fanden die Reporter heraus, läuft dabei auch über IS-Verbindungsbüros in der Türkei...

NDR und SWR begleiteten über Wochen einen jesidischen Unterhändler, der im Auftrag der Familien über die Freilassung der Sklavinnen und ihrer Kinder mit dem IS verhandelt... So werden die Frauen in einem digitalen Sklavenmarkt an den Meistbietenden verkauft. 15.000 bis 20.000 US-Dollar sind dabei ein üblicher Preis. Ähnliche Summen werden auch beim Freikauf der Jesidinnen verlangt. Das Geld wird dann über IS-Verbindungsbüros und Mittelsmänner an die Terrorgruppe transferiert...

NDR und SWR waren bei der Befreiung einer Frau und ihrer drei kleinen Kinder im Alter zwischen zwei und vier Jahren dabei und konnten den Ablauf der Verhandlungen begleiten. Wie viele jesidische Sklavinnen sich noch "im Besitz" des IS befinden ist unklar. Experten schätzen, dass es immer noch Hunderte sein könnten.

Der Vermittler sagte NDR und SWR, dass er im Verlauf eines Jahres mehr als US$ 2,5 Millionen von Familien 250 jesidischer Frauen und Kindern an ISIS überwiesen hatte, um sie zu befreien.

Er sagte zudem, dass ISIS den weiblichen und Kindersklaven zur Werbung Nummern zuweist und ihre Fotos auf der WhatsApp-Messenger Smartphone-App postet.[1]

In Reaktion auf diese Berichte stellte die Anwaltskammer von Gaziantep Strafanzeige gegen den "türkischen Nationalen Geheimdienst MIT und Polizeibeamte, die Pflichtverletzung und Fehlverhalten begingen, indem sie nicht die nötigen Maßnahmen trafen und keine vorbeugende und vorgeschriebenen Geheimdienstaktivitäten ausübten, bevor die Medien über die besagten Vorfälle berichteten".

Die Anwaltskammer forderte zudem, dass die Staatsanwälte anfangen die Täter ensprechend des türkischen Strafgesetzbuchs strafrechtlich zu verfolgen und zu bestrafen, die sich an den Verbrechen "Menschenhandel, Prostitution, Völkermord, Freiheitsentzug, Verbrechen gegen die Menschheit und Migrantenschmuggel beteiligen".

"Die tragische Realität", sagte Rechtsanwalt Bektas Sarkli, Leiter der Anwaltskammer von Gaziantep, "sieht so aus, dass Gaziantep eine gedrängt volle Stadt ist und die Selbstmordbomber leicht [aus Syrien und dem Irak] über die Grenze kommen können. Leider exportiert Gaziantep Terrorismus."

Sarkli fügte hinzu: "Wenn man die aufgebrachte Munition sieht und besonders das hier transferierte Geld einkalkuliert, dann ist klar, dass ISIS in dieser Stadt leicht Unterschlupf findet. Gaziantep ist das Logistikzentrum von ISIS."

Mahmut Togrul, ein Parlamentsabgeordneter der prokurdischen Volksdemokratischen Partei (HDP), fragte in einer Anfrage an den türkischen Innenminister Efkan Ala nach dem mutmaßlichen Büro, in dem ISIS-Mitglieder den Sklaven- und Sexhandel betreiben. Zu seinen Fragn gehörte: "Wie viele Verbindungsbüros mit der Terrororganisation ISIS gibt es in Gaziantep? Wenn es solche gibt, haben diese Verbindungsbüros eine rechtliche Basis? Unter welchen Namen agieren diese Büros? Sind diese Büros irgendwelchen Institutionen angeschlossen?"

Innenminister Ala hat bisher keine Antwort geliefert.

"Nach Angaben der örtlichen Presse von Gaziantep wie auch der landesweiten Presse", sagte Togrul, "ist aus Gaziantep eine Stadt mit Schläferzellen-Häusern für die Terrorgruppe ISIS gemacht worden; ISIS-Mitglieder sind im Überfluss vorhanden und bewegen sich frei."[2]

Die "Kampf-Plattform für gewaltsam befreite Frauen", der Demokratische Gesellschaftskongress (DTK) und der Kurdische Kongress Freier Frauen (KJA) in Diyarbakir stellte ebenfalls Strafanzeige und forderte die Staatsanwälte auf, zu den Vorwürfen zu ermitteln und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

Reyhan Yalcindag, eine prominente kurdische Menschenrechtsanwältin, sagte: "ISIS-Mitglieder haben ein Büro in Antep eingerichet; und in diesem Büro werden von ISIS entführte Frauen und Kinder für hohe Geldsummen verkauft. Wo sind die Minister und die Polizisten dieses Landes, die von Stabilität reden?"

"Die Türkei", sagte sie, "hat mehrere internationale Verträge unterschrieben, ist aber das Land Nummer Eins, wenn es um professionelle Nichteinhaltung von Menschenrechtsverträgen geht."

Die Mitpräsidentin der Jesidischen Föderation Europas, Leyla Ferman, verwies auf die Zahl der Völkermorde, denen die Jesiden nach eigenen Angaben im Verlauf der Geschichte ausgesetzt worden sind. "Die Jesiden haben 73 Todesurteile erhalten", sagte sie. "Die Menschen werden unter dem Islamischen Staat massakriert. Tausende jesidischer Frauen sind vermisst. Fünftausend Menschen sind gefangen genommen worden. Frauen und Kinder werden vergewaltigt, dann verkauft. Heute sind Frauen infolge des Krieges überall überallhin verstreut. Das muss als Verbrechen gewertet werden."

Das ist nicht das erste Mal, dass die Anwesenheit von ISIS in Antep in den Nachrichten war.

Im November 2015, nach den Terroranschlägen in Paris, tauchte eine Gruppe auf, die schwarze ISIS-Flaggen schwenkte und hupend mit ihren Autos hupte in den Straßen von Antep feierte. Die Aufnahmen wurden in den sozialen Medien weithin geteilt. Ein User schrieb: "Das ist die angeblich gegen ISIS kämpfende Türkei. Das ist der ISIS-Konvoy in Antep, der das Massaker von Paris feiert."

Die Jesiden, eine historisch verfolgte Gemeinschaft, sind ethnische Kurden, aber keine Muslime; ihre Eingeborenenreligion des Jesidentums ist mit antiken mesopotamischen Religionen verbunden. Die Jesiden sind Eingeborene des nördlichen Mesopotamien und Anatolien; ein Teil des jesidischen Heimatlandes liegt in dem was die moderne Türkei ist; andere Teile liegen in Syrien und dem Irak.

Die Jesiden sind laut dem türkischen Soziologen Ismail Besikci, einem berühmten Experten zu Kurdistan, Kampagnen zur Zwangsislamisierung und -assimilation ausgesetzt gewesen.

"Während der Deportationen der Pontos-Griechen 1912/13 und dem Völkermord an den Armeniern 1915 wurden auch Jesiden aus ihren Gebieten vertrieben. Während der gesamten Geschichte der republikanischen Türkei sind alle Methoden ausprobiert worden die Jesiden zu islamisieren. Vor 1915 war zum Beispiel Suruc eine komplett jesidische Stadt. Ebenso die Stadt Viransehir. Heute gibt es in Suruc keinen einzigen Jesiden mehr. Darüber hinaus ist zu sehen, dass islamisierte Jesiden sich gegenüber denen, die jesidisch bleiben, beleidigend verhalten."

Weil sie Kurden sind, hat der Staat ihr Kurdisch sein nicht anerkannt; und weil sie Jesiden sind, hat der Staat ihre Religion nicht anerkannt. Der Eintrag für "Religion" in den Personalausweisen der Jesiden ist leer; oder die Religion ist als "x" oder "-" registriert worden.

"Die Forschung sagt, dass 2007 in der Türkei nur noch 377 Jesiden übrig sind", sagte Erol Dora, ein assyrischer Parlamentarier der Volksdemokratischen Partei (HDP).

"Wie andere Minderheiten in der Türkei sind die Jesiden ebenfalls Diskriminierung und Hassreden ausgesetzt worden; das ist der Grund, warum sie ihr Land verlassen mussten. ... Ihre Dörfer und Ländereien sind beschlagnahmt worden; ihre landwirtschaftlichen Gebiete sind konfisziert worden, ihre heiligen Stätten sind angegriffen worden. All diese rassistischen Haltungen bestehen heute weiter; die Sprache, die Religion und die Kultur der Jesiden stehen vor dem Aussterben."

Jesiden sagen, sie seien 72 Versuchen sie auszulöschen oder versuchtem Völkermord ausgesetzt gewesen. Heute sind sie die Opfer eines weiteren versuchten Völkermords im Irak - durch die Hände der ISIS-Jihadisten. "Nach Berichten vieler entkommener Frauen und Mädchen, mit denen ich im Nordirak sprach, liegt die Zahl der entführten Jesiden, zumeist Frauen und Kinder, bei mehr als 7.000", sagte Mirza Ismail, Gründer und Vorsitzender der Yezidi Human Rights Organization-International in seiner Rede vor dem US-Kongress.

"Einige der Frauen und Kinder mussten zusehen, wie 7, 8 und 9 Jahre alte Mädchen vor ihren Augen verbluteten, nachdem sie von ISIS-Milizionären mehrfach am Tag vergewaltigt wurden. Ich traf Mütter, denen von ISIS die Kinder weggenommen wurden. Dieselben Mütter kamen, um um die Rückkehr ihrer Kinder zu betteln, nur um informiert zu werden, dass ihnen - den Müttern - von ISIS das Fleisch ihrer eigenen Kinder zu essen gegeben worden war. Die Kinder ermordet, dann ihren eigenen Müttern zu essen gegeben.

ISIS-Milizionäre haben viele jesidische Mädchen bei lebendigem Leib verbrannt, weil die es ablehnten zum Islam zu konvertieren und ISIS-Männer zu heiraten. Jesidische Jungen werden zu Jihadisten und Selbstmordbombern ausgebildet. All unsere Tempel im von ISIS kontrollierten Gebieten werden gesprengt und zerstört. Warum? Weil wir keine Muslime sind und weil unser Weg der Weg des Friedens ist. Dafür werden wir bei lebendigem Leib verbrannt: weil wir als Männer und Frauen des Friedens leben."

Die Jesiden, eines der friedfertigsten Völker der Erde, kämpfen darum einen weiteren muslimischen Völkermord zu überleben - vor den Augen der gesamten Welt.

Während ein Großteil der Welt geschwiegen hat, ist ein NATO-Mitglied, die Türkei, offen daran beteiligt - Helfer des jihadistischen Terrorismus. Berichte und Augenzeugen-Aussagen bezeugen, dass die Türkei zum Aufstieg des Islamischen Staats beigetragen hat, indem sie Kämpfer und Waffen über die Grenze gehen ließ. Einige der Kämpfer ziehen weiter, um sich jihadistischen Terrorgruppen anzuschließen.

Der jüngste Bericht offenbart, dass in der Türkei - einem Land, das sich für einen Kandidaten für die EU-Mitgliedschaft hält - jesidische Frauen und Kinder versklavt und in Sexsklaverei gezwungen werden. Derweil hat die türkische Regierung sich nicht einmal bemüht auch nur eine einzige Erklärung zu diesen Berichten abzugeben.

Das geschieht, wenn ein Regime nie zur Verantwortung gezogen wird.


[1] Unter Nutzung dieser Protokole, Dokumente, Fotografien und Zeugenaussagen zeigen die Aufnahme der ARD Abu Mital, einen als Mittelsmann zu ISIS arbeitenden Jesiden, wie er eine jesidische Frau, ihre drei Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren und einen 11-jährigen Jungen von ISIS freikauft und sie ihrer Familie zurückbringt.

Mital kontaktierte und feilschte mit ISIS-Mitgliedern im Internet und legte einen Preis für die Frau und die Kinder fest. Er ging in die südöstliche Provinz Gaziantep in der Türkei. Während seines Besuchs im Büro in Gaziantep wurde er heimlich gefilmt. Das Büro hatte eine Reihe Geldzählmaschinen. Es beschäftigte ausschließlich Syrer.

ISIS forderte $200.000 für die Frau und $15.000 für den 11-jährigen Jungen. Die Aufahmen zeigen Mital, wie er den Syrern in dem Büro das Geld übergibt, die es dann mit den Geldzählmaschinen zählten.

Nachdem er das Geld zahlte, reiste er in ein Hotel in Syrien, wo er auf eine weitere WhatsApp-Nachricht wartete. Ihm wurde dann gesagt, er würde von jemandem wegen der Lieferung der Frau und ihrer drei Kinder kontaktiert. Als Mitglieder der jesidischen Familie mit ihren Verwandten in Syrien wiedervereint wurden, brachen sie in Tränen aus. (Quelle: German TV channel films ISIL slave trade in Turkey. Today's Zaman, 3. Dezember 2015.)

[2] Zu den weitere Fragen in Togruls Anfrage gehörte:

Wenn die Geldsumme, die ISIS aus dem Sklavenhandel mit Frauen und Kindern, einnimmt korrekt ist, wer ist der Vermittler, der dieses Geld transferiert? Mit welchen Mitteln transferiert er das Geld an ISIS?

Ist der Gouverneur über das ISIS-Sklavenhandelsbüro in Gaziantep informiert? Wenn ja, hat er eine Erklärung oder Recherche zu dem Thema abgegeben?

Wie viele jesidische Frauen und Mädchen, die ISIS im südlichen (irakischen) Kurdistan entführt hat, sind in die Türkei und nach Gaziantep gebracht worden?

Haben Sie Informationen darüber, wie viele jesidische und weitere Flüchtlingsfrauen in Gaziantep leben und wo sie untergebracht sind?

Wie viele Häuser von ISIS-Zellen sind bislang durchsucht worden? Wie viele Menschen aus diesen Häusern sind festgenommen worden? Haben Sie Zugang zu Erkenntnissen über die Zahl dieser am Sklavenhandel mit jesidischen Frauen und Kindern beteiligten Terrororganisationen?

Wie viele Häuser von ISIS angehörenden Zellen gibt es in Gaziantep? Haben türkische Geheimdienste irgendwelche Daten zu diesem Thema? Wenn ja, warum greifen sie nicht gegen die ISIS-Terrororganisationen ein, die Sklavenhandel betreiben? Bedeutet nicht die Tatsache, dass sie nicht eingreifen, dass sie beteiligt sind?

ISIS-Terrororganisationen nutzen Gaziantep als Basis. Welche Art von Vorsorge plant Ihr Ministerium, um dagegen vorzugehen?

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