• Was wäre, wenn die Terroristen es "nur auf Amerikaner" oder "nur auf Diplomaten" abgesehen gehabt hätten – wäre das "begreifbarer Terrorismus" im Sinne John Kerrys?

  • "Wenn wir aufhören, Cartoons zu zeichnen, sollten wir dann auch aufhören, Synagogen zu haben? Sollten diese zu etwas anderem umgewidmet werden? Sollten wir die Juden auffordern zu gehen?", entgegnete einer der Ausrichter einer Veranstaltung für Redefreiheit, auf die ein Anschlag verübt worden war, auf die Frage, ob sie sich diesen selbst zuzuschreiben hätten.

  • Ein großer Teil jener, die im Januar "Je Suis Charlie" oder "Je Suis Juif" sagten, wollte nur angeben. Doch jetzt stellt sich heraus, dass es keinen Unterschied macht: Für die Terroristen des IS sind wir ohnehin alle Karikaturisten und Juden.

  • Da wir nicht mit dem IS und ähnlichen Gruppen leben können, sollten wir lieber alles veranlassen, was notwendig ist, um einen Ausgang unserer Wahl zu beschleunigen, bevor sie den Ausgang ihrer Wahl beschleunigen.

Wenn die Wahrheit ans Licht kommt, dann ist das oft nicht nur unerfreulich, sondern geschieht manchmal auch aus Versehen. Dafür gab es seit dem Massaker von Paris am 13. November einige frappierende Beispiele. In den Tagen nach den Anschlägen interviewte die Londoner Tageszeitung The Times Pariser Bürger. Eine 46 Jahre alte Frau verglich die Tat mit den Anschlägen auf die Büros von Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt: "Jeder Pariser ist von diesen Anschlägen betroffen", sagte sie. "Vorher waren es nur die Juden, die Schriftsteller oder Karikaturisten."

Wenn die Formulierung "nur die Juden" eine unglückliche Art war, die Sache auszudrücken, dann war sie doch nicht unglücklicher als die Reaktion von Amerikas oberstem Diplomaten. Nur Tage nach dem jüngsten Gemetzel in Paris sagte US-Außenminister John Kerry:

"Es gibt einen Unterschied zu Charlie Hebdo, und ich denke, dass jeder ihn spürt. [Der Anschlag auf Charlie Hebdo] hatte einen besonderen Fokus und vielleicht sogar eine Legitimation im Hinblick auf – keine Legitimation, aber eine Ratio, die man sich irgendwie zueigen machen kann und sagen: OK, sie sind wirklich wütend wegen diesem und jenem. Dieser Freitag hingegen war völlig unterschiedslos."

Diejenigen, die diese Aussage zur Kenntnis genommen haben, haben sich über sie lustig gemacht. Es ist aber das, was dahinter liegt, das unsere Aufmerksamkeit verdient.

Das wahre Problem mit der Bemerkung, wonach es früher "nur die Juden, die Schriftsteller oder Karikaturisten" waren, ist nicht, dass sie beleidigend oder geschmacklos wäre, oder welche Worte heutzutage auch immer benutzt werden, um eine Diskussion abzuwürgen – obwohl sie das vielleicht ist. Das Problem mit ihr ist, dass sie zeigt, dass die Leute während der früheren Anschläge nicht aufgepasst haben. Sie suggeriert, dass der Terrorismus vom Januar eine andere Gattung von Terrorismus gewesen wäre – nennen wir ihn den "begreifbaren Terrorismus" – und nicht ein Teil eines Kontinuums des Terrorismus, der nun an seinen logischen Endpunkt gelangt, den "Unmöglich-zu-verstehenden-Terrorismus" – weil "Juden, Schriftsteller oder Karikaturisten" diesmal fehlen.

Was wäre gewesen, wenn die Terroristen es "nur auf Amerikaner" oder "nur auf Diplomaten" abgesehen gehabt hätten – wäre das "begreifbarer Terrorismus" im Sinne John Kerrys? Dass es früher die "Juden, die Schriftsteller oder Karikaturisten" waren, ist genau das, was die Anschläge auf alle anderen unausweichlich machte. Die einzige Überraschung sollte unsere eigene Überraschtheit sein.

"Begreifbarer Terrorismus" versus "unmöglich-zu-verstehender-Terrorismus"? Stéphane Charbonnier (links), Redakteur und Verleger von Charlie Hebdo, wurde am 7. Januar zusammen mit vielen seiner Kollegen ermordet, bei einem Terroranschlag, von dem John Kerry sagt, er habe "eine Legitimation, ... eine Ratio, die man sich irgendwie zueigen machen kann und sagen: OK, sie sind wirklich wütend wegen diesem und jenem." Kerry stellte dem die Terroranschläge in Paris vom 13. November (rechts) gegenüber, von denen er behauptet, sie seien "absolut unterschiedslos".

Nach den Januar-Anschlägen von Paris gab es große Demonstrationen im Zentrum von Paris, und in den sozialen Medien schien die Phrase "Je Suis Charlie" für einen Augenblick lang jedermanns Hashtag oder Profilbild zu sein. Doch natürlich war so gut wie niemand Charlie, denn es gab zwar eine Menge Leute, die sich unter Pseudonym auf Twitter oder Facebook verbreiteten, doch nur sehr wenige, die scharf darauf waren, Mohammedkarikaturen nachzudrucken oder selbst welche anzufertigen. Traurigerweise verkündeten die verbleibenden Mitarbeiter von Charlie Hebdo wenige Monate nach den Anschlägen, dass sie Mohammed nicht mehr zeichnen würden. Niemand konnte sie dafür schelten: Nicht genug damit, dass sie die meisten ihrer Kollegen verloren hatten, muss es auch ermüdend sein, zu den wenigen zu gehören, die immer noch ein Recht wahrnehmen, das alle anderen bloß vorgaben, auf Twitter zu verteidigen. Aller "Je Suis Charlie"-Zeichen zum Trotz waren nur sehr wenige Menschen Charlie. Selbst Charlie war am Ende nicht mehr Charlie.

Was die "Je Suis Juif"-Schilder betrifft, so war von Anfang an klar, dass sie niemals so populär werden würden wie die "Je Suis Charlie"-Schilder, und schon gar nicht war anzunehmen, dass irgendjemand danach handeln würde. Würden alle, die in Paris auf die Straße gingen, eine Kippa oder einen Davidstern tragen wollen? Nein – ebenso wenig, wie sie mit Kurt Westergaards Bild von Mohammed mit einer Bombe im Turban durch die Straßen laufen würden. Etliche Leute sagten, sie seien "Juden", waren aber nicht geneigt, sich in dieselbe Schusslinie zu begeben, in der die Juden stehen – just so, wie viele Leute sagten, sie seien "Charlie", aber nicht so sehr daran interessiert waren, auf derselben islamistischen Zielliste zu landen wie Charlie.

Die jüngsten Anschläge von Paris waren tatsächlich gegen absolut jeden gerichtet. Daraus sollten wir eine bestimmte Lehre ziehen. Es sollte uns mahnen, dass sich in einer freien Gesellschaft niemand völlig sicher vor den Kugeln dieser Fanatiker wähnen kann. In dem Konflikt, der uns bevorsteht, gibt es keine Ausstiegsklausel für diejenigen, die das "Glück" haben, nicht jüdisch zu sein. Es gibt keinen Ausstieg für Leute, die finden, dass keine anderen Meinungen gezeichnet oder veröffentlicht werden sollten als die, denen hundert Prozent der Bevölkerung hundert Prozent der Zeit über zu hundert Prozent zustimmen. Denn eines Tages werden auch solche Leute ins Visier genommen: Weil sie in einem Restaurant oder bei einem Konzert sind oder weil sie die "dekadente" Kühnheit haben, einem Fußballspiel beizuwohnen. Dass dies noch nicht vollständig in das öffentliche Vorstellungsvermögen eingedrungen ist, ist das eine; dass es immer noch nicht in das Verständnis der Führer der einzigen Supermacht der Welt eingesickert ist, ist etwas ganz anderes.

Einen Monat nach den Terroranschlägen in Paris von Januar gab es in den USA einen weniger beachteten terroristischen Anschlag auf eine Veranstaltung für Redefreiheit, dann auf eine Synagoge in Kopenhagen. Ich fragte jemanden von den Organisatoren der Veranstaltung für Redefreiheit, der der Anschlag gegolten hatte, was sie den Leuten entgegnen würde, die behaupteten: "Ihr wisst, dass ihr euch das vielleicht selbst zuzuschreiben habt. Ihr müsst nicht weiter Karikaturen veröffentlichen oder das Recht anderer verteidigen, Karikaturen zu veröffentlichen, ihr wisst doch, wie sehr die Islamisten das hassen." Sie antwortete auf ihre charakteristisch-prägnante Art: "Wenn wir aufhören, Karikaturen zu zeichnen, sollten wir dann auch aufhören, Synagogen zu haben? Sollten diese zu etwas anderem umgewidmet werden? Sollten wir die Juden auffordern zu gehen?"

Das Problem war, dass zu wenige Leute auf solche Stimmen gehört haben bzw. dass zu wenige die Wichtigkeit dessen begriffen haben, was sie sagten. Sie sagten das, was auch die toten Journalisten und Karikaturisten von Charlie Hebdo gesagt hatten: Wenn du dieses Recht aufgibst, wirst du auch jedes andere Recht verlieren. Es mag sein, dass ein großer Teil jener, die "Je Suis Charlie" oder "Je Suis Juif" sagten, nur angeben wollte. Doch jetzt stellt sich heraus, dass es keinen Unterschied macht: Für die Terroristen des IS sind wir ohnehin alle Karikaturisten und Juden.

Hier also sind wir angekommen, am Ende dessen, was einer der schnellsten und schmerzhaftesten Lernprozesse der jüngeren Geschichte sein sollte. An dessen Ende sollten wir endlich die Einsicht haben, die wir uns schon früher hätten aneignen sollen: Da wir nicht mit dem IS und ähnlichen Gruppen leben können, sollten wir lieber ohne sie leben. Aus diesem Grund sollten wir lieber alles veranlassen, was notwendig ist, um einen Ausgang unserer Wahl zu beschleunigen, bevor sie den Ausgang ihrer Wahl beschleunigen.

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