Jahrelang vermieden es viele libanesische Politiker, sich öffentlich der offensichtlichen Wahrheit zu stellen: Der Iran hat durch seinen Stellvertreter, die Hisbollah, die Souveränität des Libanon an sich gerissen, das Land in ein Schlachtfeld verwandelt und seine Bevölkerung in wiederholte Kriege mit Israel hineingezogen.
Nun, vielleicht zum ersten Mal in solch direkter und kompromissloser Sprache, erkennen der libanesische Präsident Joseph Aoun und Premierminister Nawaf Salam offen an, was viele Libanesen seit Jahrzehnten wissen. Ihre Erklärungen sind bedeutsam. Denn sie decken die zentrale Rolle auf, die das iranische Regime und die Hisbollah bei der Zerstörung eines Landes spielen, das einst zu den wohlhabendsten und stabilsten im Nahen Osten gehörte.
Joseph Aoun warf dem Iran vor, den Libanon als "Verhandlungsmasse" in seinem Konflikt mit den Vereinigten Staaten zu nutzen, und forderte Teheran auf, sich nicht länger in libanesische Angelegenheiten einzumischen. In einem direkten Vorwurf gegen das iranischen Regime erklärte Aoun:
"Ihr versucht nicht, uns zu helfen; das libanesische Volk zahlt den Preis für eure eigenen Interessen. ... Unsere Interessen stimmen nicht mit euren überein. ... Dies ist nicht euer Land, es ist unser Land."
Der libanesische Präsident wies zudem den Anspruch der Hisbollah zurück, im Namen des Libanon zu sprechen, und sagte, deren Generalsekretär Naim Qassem "repräsentiert nicht das libanesische Volk". Er betonte, sein Volk sei erschöpft von dem endlosen Konflikt, den die Hisbollah ausgelöst habe: So hätten Libanesen aus verschiedenen Religionsgemeinschaften, darunter auch Schiiten, ihm gesagt, sie seien der Terrorgruppe überdrüssig. "Die Libanesen haben genug vom Krieg zwischen Israel und der Hisbollah."
Aouns Äußerungen kommen einem öffentlichen Eingeständnis gleich, dass die Hisbollah faktisch einen Staat im Staate geschaffen hat, der entscheidet, wann der Libanon in den Krieg zieht und wann er einem Waffenstillstand zustimmt, ungeachtet der Wünsche der gewählten Regierung des libanesischen Volkes.
Nawaf Salam äußerte sich ebenso unverblümt. Bei der Vorstellung eines Hilfsappells der UNO forderte er den Iran auf, den Libanon nicht länger für seine eigenen regionalen Ambitionen auszunutzen:
"Schont unseren Süden und hört auf, ihn und seine Bevölkerung als bloße Verhandlungsmasse zu behandeln, um eure Verhandlungsposition zu verbessern. Wir sind eine Nation, die sich weigert, zum Briefkasten für die Botschaften anderer oder zur offenen Arena für deren Kriege zu werden. Der Libanon ist niemandes Spielfigur auf einem Brett, und der Süden ist niemandes Reservefront."
Am bemerkenswertesten ist vielleicht, dass der Premierminister offen einräumte, dass die Ablehnung eines Waffenstillstandsabkommens durch den Iran die wahre Natur des Konflikts offenlegte:
"Die Libanesen waren gestern [am 4. Juni; Anm. Mena-Watch] fassungslos, als sie feststellten, dass die iranische Revolutionsgarde als Erste das Abkommen ablehnte, noch bevor andere Parteien dies taten. Dies ist eine weitere Bestätigung dafür, dass dieser Krieg nicht unser Krieg ist, dass er nicht für uns geführt wird, sondern auf unserem Boden und auf Kosten unseres Volkes."
Diese Worte stellen eine vernichtende Anklage gegen die Hisbollah und ihre iranischen Geldgeber dar. Seit Jahren rechtfertigt die Terrorgruppe ihre militärischen Aktivitäten mit dem Vorwand, den "Libanon zu verteidigen". Doch nun sagt der libanesische Premierminister praktisch öffentlich, dass der Krieg der Hisbollah ausländischen Interessen dient, nicht denen des Libanon.
Die libanesischen Führer sagen endlich öffentlich, was viele Beobachter seit Jahren argumentieren: Die Hisbollah verteidigt nicht den Libanon. Sie verteidigt die regionalen Interessen des Iran.
Die Folgen sind katastrophal: Einst als "Schweiz des Nahen Ostens" bekannt, ist der Libanon zu einem gescheiterten Staat geworden, geplagt von wirtschaftlichem Zusammenbruch, politischer Lähmung, Korruption und wiederkehrenden Kriegen. Hunderttausende libanesische Zivilisten haben einen hohen Preis für die Entscheidungen der Hisbollah gezahlt. Ganze Gemeinden wurden vertrieben. Häuser wurden zerstört. Unternehmen sind zusammengebrochen. Familien haben Angehörige verloren. "Das libanesische Volk", stellte Aoun fest, "hat mir die Aufgabe übertragen, den Krieg zu beenden, und es hat es nicht verdient, alle fünf oder zehn Jahre mitanzusehen, wie seine Häuser zerstört werden."
Die Tragödie des Libanon ähnelt stark der Tragödie des Gazastreifens. So wie die Hisbollah im Libanon als Stellvertreter des Iran fungiert, dient die Hamas als Stellvertreter des Teheraner Regimes unter den Palästinensern. Wie die Hisbollah erhält auch die Hamas Finanzmittel, Waffen, Ausbildung und politische Unterstützung von der Islamischen Republik. Wie die Hisbollah im Libanon hat die Hamas einen Krieg entfesselt, der Verwüstung über das eigene Volk gebracht hat.
Nach dem von der Hamas angeführten Massaker im Süden Israels am 7. Oktober 2023 erlitt der Gazastreifen unvorstellbare Zerstörung und humanitäre Not. Die Palästinenser in der Küstenenklave zahlen den Preis für Entscheidungen der Hamas, einer islamistischen Terrororganisation, die ebenso wie die Hisbollah im Einklang mit der übergeordneten regionalen Agenda des Iran handelt.
Ohne die Einmischung des Irans in libanesische und palästinensische Angelegenheiten würden sich beide wahrscheinlich auf den Aufbau ihrer Wirtschaft, die Stärkung ihrer Institutionen und die Verbesserung der Lebensbedingungen ihrer Bürger konzentrieren, anstatt endlose Zyklen von Krieg und Zerstörung zu erdulden. Das iranische Regime jedoch hat seine Stellvertreter konsequent dazu genutzt, Instabilität im gesamten Nahen Osten zu verbreiten: die Hisbollah im Libanon; die Hamas und den Palästinensischen Islamischen Dschihad im Gazastreifen; die Huthi im Jemen; sowie schiitische Milizen im Irak und in Syrien.
Das Ziel ist immer dasselbe: den iranischen Einfluss auszuweiten und gleichzeitig die Region in einem permanenten Zustand der Konfrontation zu halten.
Die Äußerungen von Aoun und Salam werfen jedoch eine ernste Frage auf. Wenn die libanesischen Führer erkennen, dass der Iran und die Hisbollah für einen Großteil des Leids ihres Landes verantwortlich sind, warum sind sie dann bislang nicht entschlossen gegen die Hisbollah vorgegangen?
Resolutionen des UN-Sicherheitsrats fordern seit langem die Entwaffnung aller Milizen im Libanon. Die von der Trump-Regierung ausgehandelten Waffenstillstandsabkommen sollten zudem die libanesische Souveränität stärken und die militärische Macht der Hisbollah eindämmen. Warum ist die Hisbollah dann immer noch bewaffnet? Warum entscheidet sie weiterhin über Krieg und Frieden? Warum ist die libanesische Regierung nach wie vor nicht in der Lage oder nicht willens, die volle Autorität über ihr Staatsgebiet auszuüben?
Die gleichen Fragen gelten für die Hamas. Warum kontrolliert die Hamas immer noch weite Teile des Gazastreifens? Warum spricht der "Friedensrat" der Trump-Regierung immer noch über die Entwaffnung der Hamas, anstatt darauf zu bestehen, sie durchzusetzen? Warum verhandeln Vermittler weiterhin mit Terrororganisationen, die eine Entwaffnung offen ablehnen? Sich allein über die Einmischung des Iran zu beklagen, wird weder die Souveränität des Libanon wiederherstellen noch Stabilität in den Gazastreifen bringen.
Die Trump-Regierung würde sich selbst einen beträchtlichen Dienst erweisen, wenn sie anerkennen würde, dass die Ursache für einen Großteil der Instabilität in der Region nach wie vor das iranische Regime und seine Stellvertreter sind. Washington muss die sofortige und bedingungslose Entwaffnung der Hisbollah und der Hamas fordern – terroristischer Organisationen, die die Vernichtung Israels anstreben.
Die Regierung würde ihrer Agenda sehr helfen, wenn sie darauf bestünde, dass allein die libanesische Regierung die Kontrolle über Entscheidungen in Fragen von Krieg und Frieden ausübt. Es wäre hilfreich zu betonen, dass kein souveräner Staat eine bewaffnete Miliz tolerieren kann, die außerhalb der staatlichen Autorität operiert. Aoun hat Recht, wenn er sagt, dass der Libanon nicht zum Iran gehört. Die Herausforderung besteht nun darin, diese Worte in Taten umzusetzen.
Solange die Hisbollah und die Hamas bewaffnet und an der Macht bleiben und das Korps der Islamischen Revolutionsgarde weiterhin den Iran regiert, wird es keinen dauerhaften Frieden und keine Stabilität im Nahen Osten geben. Alle drei sind nach wie vor fest entschlossen, ihren Dschihad gegen Israel zu führen, und bereit, diesen auf unbestimmte Zeit fortzusetzen. Die libanesischen Führer haben das Problem erkannt. Die Frage ist, ob sie den Mut und die uneingeschränkte, engagierte Unterstützung der Vereinigten Staaten haben, um eine Lösung durchzusetzen.
Khaled Abu Toameh ist ein preisgekrönter Journalist für arabische und palästinensische Angelegenheiten.
